Diana Gabaldon: Der Ruf der Trommel

Prolog

Ich habe mich noch nie vor Gespenstern gefürchtet. Schließlich lebe ich tagaus, tagein mit ihnen. Wenn ich in den Spiegel sehe, blicken mich die Augen meiner Mutter an, und mein Mund kräuselt sich zu dem Lächeln, das meinen Urgroßvater zu dem Schicksal verlockte, aus dem ich wurde.

Nein, wie könnte ich die Berührung dieser vergangenen Hände fürchten, die sich unerkannt in Liebe auf mich legen? Wie könnte ich jene fürchten, die mich geformt, ihre Spuren weit über das Grab hinaus hinterlassen haben?

Noch weniger ängstigen mich die Geister, die im Vorübergehen an meine Gedanken rühren. Jede Bibliothek ist voll von ihnen. Ich nehme ein Buch aus einem verstaubten Regal, und die Gedanken eines Toten suchen mich heim, lebendig wie eh und je in ihrem Leichentuch aus Worten.

Natürlich sind es nicht diese vertrauten Geister des Alltags, die den Schlafenden stören und den Wachenden eiskalt durchfahren. Sieh hinter dich, nimm eine Fackel und leuchte in die dunklen Winkel. Hör auf das Echo der Schritte, das hinter dir erklingt, wenn du allein unterwegs bist.

Unablässig huschen die Geister um uns und durch uns und verbergen sich in der Zukunft. Wir blicken in den Spiegel und sehen die Schatten anderer Gesichter durch die Jahre zurückblicken, wir sehen die Gestalt der Erinnerung, die greifbar in einem verlassenen Durchgang steht. Aus Blutsbanden und freier Wahl erschaffen wir unsere Geister: Wir suchen uns selber heim.

Der Geist taucht immer ungebeten aus dem nebligen Reich der Träume und der Stille auf.

Unser Verstand sagt: "Nein, das ist unmöglich." Doch ein anderer Teil, ein älterer Teil klingt stets leise im Dunkel mit: "Ja, aber es könnte sein."

Unser Ursprung und Ziel sind ein Rätsel, und dazwischen versuchen wir zu vergessen. Doch ab und zu weht in einem stillen Zimmer ein Luftzug mit sanfter Zuneigung durch mein Haar. Ich glaube, es ist meine Mutter.

 

Erster Teil | O schöne neue Welt | Charleston, Juni 1767

Eine Hinrichtung in Eden

Ich hörte die Trommeln, lange bevor sie in Sichtweite kamen. Die Schläge hallten in meiner Magengrube wider, als wäre ich selber hohl. Der Klang breitete sich in der Menge aus, ein harter, militärischer Rhythmus, der dazu gedacht war, jedes Gespräch und selbst Schüsse zu übertönen. Ich sah, wie sich die Köpfe umwandten, während die Menschen verstummten und jenen Abschnitt der East Bay Street entlangblickten, der den Rohbau des neuen Zollhauses mit den White Point Gardens verband.

Es war ein heißer Tag, sogar für Charleston im Juni. Die besten Plätze waren auf dem Hafendamm, wo wenigstens ein Luftzug wehte; hier unten war es, als würde man lebendig gegrillt. Mein Hemd war durchnäßt, und das Baumwollmieder klebte mir zwischen den Brüsten. Zum zehnten Mal in ebenso vielen Minuten wischte ich mir über das Gesicht und hob meinen schweren Haarknoten in der vergeblichen Hoffnung, daß ein Luftzug mir den Hals kühlen würde.

Überhaupt fielen mir im Moment makabererweise Hälse besonders auf. Unauffällig legte ich die Hand an meine Kehle und umspannte sie mit den Fingern. Ich konnte spüren, wie der Puls meiner Halsschlagadern im Takt mit den Trommeln schlug, und beim Atmen verstopfte mir die heiße, feuchte Luft die Kehle, als wäre ich selber dem Ersticken nahe.

Ich zog hastig meine Hand weg und holte Luft, so tief ich konnte. Das war ein Fehler. Der Mann vor mir hatte seit mindestens einem Monat nicht mehr gebadet. Der Rand seiner Halsbinde stand vor Dreck, und seine Kleider rochen säuerlich und muffig und überdeckten sogar den Schweißgeruch der Menge. Aus den Buden, an denen Eßbares verkauft wurde, drang der Geruch von heißem Brot und siedendem Schweinefett und vermischte sich mit dem Moder verfaulenden Seegrases, der aus der Marsch herüberwehte und durch einen salzigen Luftzug vom Hafen her kaum gemildert wurde.

Vor mir reckten ein paar Kinder gaffend die Hälse. Sie rannten zwischen den Eichen und Fächerpalmen hervor, um einen Blick auf die Straße zu werfen und wurden von ihren besorgten Eltern wieder zurückgerufen. Der Hals des Mädchens neben mir erinnerte an den weißen Teil eines Grashalmes, schlank und glänzend.

Ein aufgeregtes Raunen ging durch die Menge: Die Galgenprozession kam am anderen Ende der Straße in Sicht. Die Trommeln wurden lauter.

"Wo ist er?" murmelte Fergus neben mir und reckte ebenfalls den Hals, um etwas zu sehen. "Ich wußte doch, daß ich besser mit ihm gegangen wäre."

"Er kommt schon noch." Ich hätte mich am liebsten auf die Zehenspitzen gestellt, ließ es aber bleiben, weil ich es als unpassend empfand. Dennoch blickte ich mich suchend um. Ich konnte Jamie in jeder Menschenmenge ausmachen, denn sein Kopf und seine Schultern überragten die meisten Männer, und in seinem Haar fing sich das Licht in einer rotgoldenen Flamme. Er war noch nicht zu sehen, nur das Meer wogender Hauben und Dreispitze, mit denen sich jene Bürger vor der Hitze schützten, die zu spät gekommen waren, um noch einen Platz im Schatten zu ergattern.

Zuerst kamen die Flaggen. Über den Köpfen der aufgeregten Menge wehten die Banner von Großbritannien und der Kronkolonie South Carolina. Und ein weiteres, das das Wappen des Gouverneurs der Kolonie trug.

Dann kamen die Trommler, in Zweierreihen und im Gleichschritt, und ihre Stöcke wechselten zwischen Schlägen und Wirbeln ab. Es war ein langsamer Marsch, grimmig und unerbittlich. Totenmarsch, so glaubte ich, nannte man diese spezielle Kadenz; sehr passend unter diesen Umständen. Alle anderen Geräusche ertranken im Trommelwirbel. Dann kam der Zug der rotberockten Soldaten, und in ihrer Mitte die Gefangenen.

Sie waren zu dritt. Man hatte ihnen die Hände vor den Bauch gebunden und sie mit einer Kette aneinandergefesselt, die durch Ringe an ihren Halseisen lief. Der erste war ein kleiner, älterer Mann, zerlumpt und verlottert, ein verfallenes Wrack, und er torkelte und stolperte so sehr, daß sich der dunkelgewandete Geistliche an seiner Seite gezwungen sah, ihn beim Arm zu nehmen, damit er nicht hinfiel.

"Ist das Gavin Hayes? Er sieht schlecht aus", murmelte ich Fergus zu.

"Er ist betrunken." Die leise Stimme erklang hinter mir, und ich wirbelte herum. Jamie stand genau hinter mir und hatte die Augen auf die klägliche Prozession gerichtet.

Die Gleichgewichtsstörungen des kleinen Mannes behinderten die Prozession, denn sein Torkeln zwang die beiden an ihn geketteten Männer zu abrupten Kurswechseln, wenn sie auf den Füßen bleiben wollten. Sie erinnerten an drei Betrunkene auf dem Nachhauseweg von der Dorfkneipe, was in drastischem Kontrast zum Ernst der Lage stand. Über die Trommeln hinweg hörte ich Gelächter aufbrausen, und von den schmiedeeisernen Balkonen der East Bay Street erschollen Anfeuerungsrufe.

"Warst du das?" Ich sprach leise, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, aber ich hätte auch schreien und mit den Armen rudern können; niemand hatte Augen für irgend etwas anderes als die Szene vor uns.

Ich spürte Jamies Schulterzucken mehr, als daß ich es sah, während er einen Schritt vortrat und sich neben mich stellte.

"Er hat mich darum gebeten", sagte er. "Es war alles, was ich für ihn tun konnte."

"Brandy oder Whisky?" fragte Fergus, der Hayes' Erscheinung mit Kennerblick begutachtete.

"Der Mann ist ein Schotte, mein lieber Fergus." Jamies Stimme war so ruhig wie sein Gesicht, doch ich hörte die leise Anspannung darin. "Er wollte Whisky."

"Gute Wahl. Mit etwas Glück wird er es nicht einmal merken, wenn sie ihn hängen", murmelte Fergus. Der kleine Mann war dem Griff des Priesters entschlüpft, auf der sandigen Straße mitten aufs Gesicht gefallen und hatte dabei einen seiner Mitgefangenen auf die Knie heruntergezogen. Der dritte Gefangene, ein hochgewachsener junger Mann, blieb auf den Füßen, schwankte aber wild hin und her, während er mit aller Kraft versuchte, die Balance zu halten. Die Menge auf dem Platz brüllte vor Schadenfreude.

Der Hauptmann der Wache glühte zwischen seiner weißen Perücke und seinem Kragen vor Wut mindestens genauso feuerrot wie von der Sonne. Er bellte einen Befehl, die Trommeln setzten ihr finsteres Rollen fort, und ein Soldat bemühte sich hastig, die Kette zu entfernen, die die Gefangenen aneinanderfesselte. Hayes wurde ohne Umschweife auf die Füße gerissen, an beiden Armen von einem Soldaten ergriffen, und die Prozession nahm ihren Weg wieder auf, diesmal in besserer Ordnung.

Das Gelächter verstummte, als sie das Schafott erreichten, einen von Maultieren gezogenen Karren unter den Ästen einer riesigen Eiche. Ich spürte das Schlagen der Trommeln durch meine Fußsohlen. Mir war ein bißchen schlecht von der Sonne und den Gerüchen. Das Trommeln endete abrupt, und die Stille summte in meinen Ohren.

"Du mußt es dir nicht ansehen, Sassenach", flüsterte Jamie mir zu. "Geh zurück zum Wagen." Seine Augen waren fest auf Hayes gerichtet, der murmelnd im Griff der Soldaten schwankte und sich trübäugig umschaute.

Zusehen war das letzte, was ich wollte. Aber ich konnte Jamie auch nicht dabei im Stich lassen. Er war wegen Gavin Hayes gekommen; ich war seinetwegen gekommen. Ich berührte seine Hand.

"Ich bleibe hier."

Jamie richtete sich höher auf. Er trat einen Schritt vor und sorgte so dafür, daß er in der Menge gut sichtbar war. Falls Hayes noch nüchtern genug war, um irgend etwas zu sehen, dann wäre das Letzte, was er auf dieser Welt sah, das Gesicht eines Freundes.

Er konnte sehen - Hayes stierte hierhin und dorthin, als sie ihn auf den Karren hoben, und reckte verzweifelnd suchend den Hals.

"Gabhainn! A charaid!" rief Jamie plötzlich. Hayes' Blick fand ihn sofort, und er mühte sich nicht länger ab.

Der kleine Mann stand leicht schwankend da, als die Anklage verlesen wurde: Diebstahl in Höhe von sechs Pfund, zehn Schillingen. Er war mit rötlichem Staub bedeckt, und Schweißperlen hingen zitternd in seinen grauen Bartstoppeln. Der Priester beugte sich dicht zu ihm herüber und murmelte drängend in sein Ohr.

Dann setzten die Trommeln in einem gleichmäßigen Wirbel wieder ein. Der Henker führte die Schlinge über den fast kahlen Kopf und zog sie fest. Den Knoten positionierte er präzise unter dem Ohr. Der Hauptmann der Wache stand mit erhobenem Säbel in Habachtstellung.

Plötzlich richtete sich der Verurteilte zu voller Höhe auf. Den Blick auf Jamie gerichtet, öffnete er den Mund, als wollte er etwas sagen.

Der Säbel blitzte in der Morgensonne, und das Trommeln endete mit einem letzten, abgehackten Schlag.

Ich sah Jamie an. Er war kalkweiß und starrte ins Leere. Aus dem Augenwinkel sah ich das ruckende Seil und das schwache, unwillkürliche Zucken des baumelnden Kleiderbündels. Ein scharfer Geruch nach Urin und Fäkalien durchschnitt die dicke Luft.

Neben mir beobachtete Fergus gelassen das Geschehen. "Dann hat er es wohl doch gemerkt", murmelte er mit Bedauern.

Die Leiche schwang sacht, ein totes Gewicht, das wie ein Senkblei an seiner Schnur baumelte. Aus der Menge erklang ein Seufzer der Verschüchterung und Erleichterung. Seeschwalben kreischten am brennenden Himmel, und entfernte Hafengeräusche durchdrangen gedämpft die schwere Luft, doch der Platz war in Schweigen gehüllt. Von meinem Platz aus konnte ich das leise Plitsch, Platsch, Plitsch der Tropfen hören, die vom Zeh der baumelnden Leiche fielen.

Ich hatte Gavin Hayes nicht gekannt, und sein Tod ging mir nicht persönlich nahe, doch ich war froh, daß es schnell gegangen war. Ich warf einen verstohlenen Blick auf ihn und fühlte mich wie ein Störenfried. Es war eine höchst öffentliche Art, einen ganz privaten Akt zu vollbringen, und es machte mich verlegen, ihn anzusehen.

Der Henker hatte seine Sache gut gemacht: Es hatte kein entwürdigendes Gezappel gegeben, keine vorquellenden Augen, keine heraushängende Zunge. Gavins kleiner, runder Kopf war scharf zur Seite geknickt, sein Hals war grotesk in die Länge gezogen, doch sein Genick war glatt gebrochen.

Jemand anders dagegen war derweil ausgebrochen. Nachdem er sich von Hayes' Tod überzeugt hatte, gab der Hauptmann der Wache mit seinem Säbel das Signal, den nächsten Mann zum Galgen zu bringen. Ich sah, wie seine Augen an der rotberockten Kolonne entlangschweiften und sich dann vor Entrüstung weiteten.

Im selben Moment erscholl ein Schrei aus der Menge, und eine Welle der Aufregung breitete sich aus. Köpfe drehten sich, und die Zuschauer drängten gegeneinander, um etwas zu sehen, wo es nichts zu sehen gab.

"Weg ist er!"

"Da ist er!"

"Haltet ihn!"

Es war der dritte Gefangene, der hochgewachsene junge Mann, der den Augenblick von Gavins Tod dazu benutzt hatte, um sein Leben zu rennen. Er hatte sich an der Wache vorbeigeschlichen, die auf ihn hätte aufpassen sollen, sich aber der Faszination des Galgens nicht hatte entziehen können.

Ich sah eine kurze Bewegung hinter einer Bude, ein Aufblitzen ungewaschener, blonder Haare. Einige der Soldaten sahen es ebenfalls und liefen dorthin, doch viele hasteten auch in andere Richtungen, und in der allgemeinen Verwirrung erreichten sie gar nichts.

Der Hauptmann der Wache brüllte mit hochrotem Gesicht, doch seine Stimme war in dem Aufruhr kaum zu hören. Der letzte Gefangene, der ein verblüfftes Gesicht machte, wurde ergriffen und zum Quartier der Wache zurückverfrachtet, während die Rotröcke hastig begannen, unter der peitschenden Stimme ihres Hauptmanns ordentliche Aufstellung einzunehmen.

Jamie schlang seinen Arm um meine Taille und brachte mich vor einer anrollenden Woge von Menschen in Sicherheit. Soldatentrupps rückten an, formierten sich und marschierten schnellen Schrittes davon, um die Umgebung unter dem grimmigen und zornbebenden Kommando ihres Sergeanten zu durchkämmen, und die Menge wich vor ihnen zurück.

"Wir sollten Ian suchen", sagte Jamie, während er eine Gruppe aufgeregter Lehrjungen verscheuchte. Er sah Fergus an und deutete auf den Galgen und seine traurige Bürde. "Sag, daß wir die Leiche haben wollen, aye? Wir treffen uns nachher im Willow Tree."

"Meinst du, sie kriegen ihn?" fragte ich, während wir uns durch das abflauende Gedränge schoben und durch eine kopfsteingepflasterte Gasse zu den Lagerhäusern der Handelsleute gingen.

"Ich denke schon. Wo sollte er denn hin?" Er klang abwesend, und ich sah eine dünne Linie zwischen seinen Augenbrauen. Seine Gedanken waren ganz offensichtlich noch bei dem Toten, und er hatte für die Lebenden nicht viel Aufmerksamkeit übrig.

"Hatte Hayes irgendwelche Verwandten?" fragte ich. Er schüttelte den Kopf.

"Das habe ich ihn auch gefragt, als ich ihm den Whisky brachte. Er meinte, einer seiner Brüder könnte noch leben, hatte aber keine Ahnung, wo. Der Bruder war kurz nach dem Aufstand deportiert worden - nach Virginia, meinte Hayes, hat aber seitdem nie wieder von ihm gehört."

Kein Wunder - ein Zwangsarbeiter hätte keine Möglichkeit gehabt, mit seinen Verwandten in Schottland in Verbindung zu treten, es sei denn, sein Herr war so großzügig, für ihn einen Brief dorthin zu schicken. Und großzügig oder nicht, es war unwahrscheinlich, dass ein solcher Brief Gavin Hayes erreicht hätte, denn er hatte zehn Jahre im Gefängnis von Ardsmuir verbracht, bevor er ebenfalls deportiert wurde.

"Duncan!" rief Jamie, und ein hochgewachsener, dünner Mann drehte sich um und hob als Erwiderung seine Hand. Er wand sich durch die Menge, wobei er sich die Leute vom Leib hielt, indem er seinen Arm in weitem Bogen schwang.

"Mac Dubh", sagte er und begrüßte Jamie mit einem Kopfnicken. "Mrs. Claire." Sein langes, schmales Gesicht war von Traurigkeit durchfurcht. Auch er hatte als Gefangener in Ardsmuir gesessen, zusammen mit Hayes und Jamie. Nur die Tatsache, daß er seinen Arm durch eine Blutvergiftung verloren hatte, hatte verhindert, daß er mit den anderen deportiert wurde. Da man ihn nicht als Arbeiter verkaufen konnte, hatte man ihn begnadigt und dem Hunger überlassen - bis Jamie ihn gefunden hatte.

"Möge der arme Gavin in Frieden ruhen", sagte Duncan und schüttelte leidvoll den Kopf.

Jamie murmelte eine Antwort auf Gälisch und bekreuzigte sich. Dann richtete er sich auf und schüttelte mit sichtbarer Anstrengung die bedrückende Atmosphäre ab.

"Aye, gut. Ich muß zu den Docks gehen und Ians Überfahrt arrangieren, und dann können wir uns um Gavins Begräbnis kümmern. Aber erst muß ich den Jungen unterbringen."

Wir kämpften uns durch das Gewühl zu den Docks voran, zwängten uns zwischen Grüppchen aufgeregter Klatschmäuler hindurch und wichen den Fuhrwerken und Handkarren aus, die mit dem behäbigen Gleichmut von Handel und Wandel durchs Gedränge fuhren. Eine Reihe rotberockter Soldaten kam im Laufschritt vom anderen Ende des Kais und zerteilte die Menge, wie wenn man Essig auf Mayonnaise träufelt. Die Sonne glänzte heiß auf ihren Bayonettspitzen, und der Rhythmus ihres Trotts klang im Lärmen der Menge wie eine gedämpfte Trommel. Sogar die rumpelnden Gespanne und Karren hielten abrupt an, um sie vorbeizulassen.

"Paß auf deine Tasche auf, Sassenach", murmelte Jamie mir ins Ohr und schob mich durch die enge Lücke zwischen einem turbantragenden Sklaven, der zwei kleine Kinder umklammert hielt, und einem Straßenprediger, der auf einer Kiste thronte. Er schrie Sodom und Gomorrha, aber bei dem Lärm konnte man nur jedes dritte Wort verstehen.

"Ich habe sie zugenäht", sagte ich und griff trotzdem nach dem kleinen Gewicht, das an meinem Oberschenkel baumelte. "Was ist mit deiner?"

Er grinste und schob seinen Hut hoch. Seine dunkelblauen Augen blinzelten in das gleißende Sonnenlicht.

"Die ist da, wo ich den Sporran tragen würde, wenn ich einen hätte. So lange mir keine Hure mit langen Fingern begegnet, kann mir nichts passieren."

Ich blickte auf die leicht ausgebeulte Vorderseite seiner Kniehose und sah dann zu ihm hoch. Er war breitschultrig und hochgewachsen, und mit seinen ausgeprägten, kühnen Gesichtszügen und der stolzen Haltung des Highlanders zog er die Blicke aller Frauen auf sich, an denen er vorbeiging - und das, obwohl sein leuchtendes Haar unter einem nüchternen blauen Dreispitz verborgen war. Die Kniehose war eine Leihgabe und viel zu eng, was den allgemeinen Effekt nicht im geringsten minderte - und verstärkt wurde er noch dadurch, daß er selbst sich dessen nicht bewußt war.

"Du bist eine wandelnde Einladung für Huren", sagte ich. "Bleib in meiner Nähe, ich beschütze dich."

Er lachte und nahm mich beim Arm, als wir auf einen kleinen, freien Platz hinaustraten.

"Ian!" rief er, als er seinen Neffen über die Köpfe der Menschenmenge hinweg erblickte. Einen Augenblick später tauchte ein hochgewachsener, sehniger Bauernlümmel aus der Menge auf, schob sich ein braunes Haarbüschel aus den Augen und grinste breit.

"Ich dachte schon, ich würd' dich nie finden, Onkel Jamie!" rief er aus. "Himmel, hier gibt's ja mehr Leute als am Lawnmarket in Edinburgh!" Er wischte sich mit dem Hemdsärmel über sein langes, unscheinbares Gesicht und hinterließ einen Schmutzstreifen auf der einen Wange.

Jamie beäugte seinen Neffen mißtrauisch. "Dein Frohsinn scheint mir ein bißchen fehl am Platz, Ian, wenn man bedenkt, daß du gerade einen Mann hast sterben sehen."

Ian änderte hastig seine Miene und bemühte sich, den angemessenen Ernst an den Tag zu legen.

"O nein, Onkel Jamie", sagte er. "Ich war nicht bei der Hinrichtung." Duncan zog eine Augenbraue hoch, und Ian errötete leicht. "Ich - ich hatte keine Angst zuzuschauen, aber es war so, ich… hatte etwas anderes vor."

Jamie zeigte die Spur eines Lächelns und klopfte seinem Neffen auf den Rücken. "Mach dir keine Sorgen, Ian, ich wäre lieber auch nicht dabeigewesen, aber Gavin war nun mal mein Freund."

"Das weiß ich, Onkel Jamie. Tut mir leid." Mitgefühl blitzte in den braunen Augen des Jungen auf, das einzige in seinem Gesicht, was man mit Fug und Recht schön nennen konnte. Er sah mich an. "War es schlimm, Tante Claire?"

"Ja", sagte ich. "Aber es ist vorbei." Ich zog mir das feuchte Taschentuch aus dem Ausschnitt und stellte mich auf die Zehenspitzen, um ihm den Flecken von der Wange zu wischen.

Duncan Innes schüttelte traurig den Kopf. "Aye, armer Gavin. Aber immer noch ein schnellerer Tod als Verhungern, und etwas anderes wäre ihm kaum übriggeblieben."

"Laßt uns gehen", unterbrach Jamie, dem der Sinn nicht nach nutzlosem Lamentieren stand. "Die Bonnie Mary dürfte fast am anderen Ende des Kais liegen." Ich sah, wie Ian Jamie einen Blick zuwarf und sich aufrichtete, als wollte er etwas sagen, doch Jamie hatte sich schon zum Hafen umgedreht und schob sich durch das Gedränge. Ian sah mich an, zuckte die Achseln und bot mir seinen Arm.

Wir folgten Jamie an den Lagerhäusern vorbei, die die Docks säumten, und wichen dabei Matrosen, Trägern, Sklaven, Passagieren, Käufern und Verkäufern aller Art aus.

Charleston war ein bedeutender Hafen, und das Geschäft blühte. In einer Saison sah man dort bis zu hundert Schiffe, die aus Europa eintrafen oder dorthin aufbrachen.

Die Bonnie Mary gehörte einem Freund von Jamies Vetter Jared, der nach Frankreich emigriert war, um sich dort als Weinhändler zu versuchen, und ein Vermögen verdient hatte. Mit etwas Glück konnte man vielleicht den Kapitän der Bonnie Mary überreden, Ian um Jareds willen mit zurück nach Edinburgh zu nehmen, wenn er dafür als Schiffsjunge arbeitete.

Ian war von dieser Aussicht nicht begeistert, aber Jamie war fest entschlossen, seinen auf Abwege geratenen Neffen bei nächster Gelegenheit nach Schottland zurückzubefördern. Es war unter anderem die Nachricht gewesen, daß die Bonnie Mary in Charleston lag, die uns von Georgia hierhergeführt hatte. Dort hatten wir zwei Monate zuvor - zufällig - zum ersten Mal amerikanischen Boden betreten.

Wir kamen an einem Wirtshaus vorbei, und gerade in diesem Moment trat eine schmuddelige Dienstmagd mit einer Schüssel Küchenabfälle nach draußen. Sie erblickte Jamie und hielt inne, setzte die Schüssel auf ihrer Hüfte ab, sah ihn von der Seite an und lächelte ihn mit einem Schmollmund an. Er ging zielstrebig weiter, ohne ihr auch nur einen Blick zu gönnen. Sie warf den Kopf zurück, schüttete dem Schwein, das neben der Schwelle schlief, die Essensreste hin und rauschte wieder hinein.

Er blieb stehen und hielt sich die Hand über die Augen, um an der Reihe der hoch aufragenden Schiffsmasten entlangzusehen. Ich stellte mich neben ihn. Er zupfte unwillkürlich an der Vorderseite seiner engen Kniehose und ich ergriff seinen Arm.

"Familienjuwelen noch in Sicherheit?" murmelte ich.

"Unbequem, aber in Sicherheit", versicherte er mir. Er rupfte an den Schnüren seines Hosenschlitzes und zog eine Grimasse. "Hätte sie mir aber doch besser in den Hintern gesteckt, glaube ich."

"Lieber du als ich", sagte ich lächelnd. "Da riskiere ich es doch lieber, ausgeraubt zu werden."

Bei den Familienjuwelen handelte es sich tatsächlich um Edelsteine. Ein Hurrikan hatte uns an die Küste von Georgia getrieben, wo wir durchnäßt, zerlumpt und mittellos gestrandet waren - bis auf eine Handvoll großer, wertvoller Edelsteine.

Ich hoffte, daß der Kapitän der Bonnie Mary Jared Fraser genügend schätzte, um Ian als Schiffsjungen zu nehmen, denn sonst würde uns die Überfahrt in Schwierigkeiten bringen.

Theoretisch enthielten Jamies und meine Taschen ein beträchtliches Vermögen. Praktisch nutzten uns die Steine nicht mehr als Strandkiesel. Edelsteine waren zwar eine gute Lösung, wenn man Reichtum transportieren wollte, doch war es ein Problem, sie wieder zu Geld zu machen.

Die meisten Geschäfte in den südlichen Kolonien liefen über Tauschhandel ab, und der Rest funktionierte entweder über Interimsscheine oder Wechsel, die auf einen reichen Kaufmann oder Bankier ausgestellt waren. Und reiche Bankiers waren in Georgia nicht gerade dicht gesät, schon gar nicht solche, die daran interessiert waren, ihr verfügbares Kapital in Edelsteinen anzulegen. Der wohlhabende Reisfarmer in Savannah, der uns aufgenommen hatte, hatte uns versichert, er selbst könne keine zwei Pfund Sterling in bar zusammenkratzen - wahrscheinlich existierten in der ganzen Kolonie keine zehn Pfund in Gold oder Silber.

Und natürlich hatte sich auch in den endlosen Marschlandschaften und Kiefernwäldern, durch die wir auf unserem Weg nach Norden gekommen waren, keine Gelegenheit ergeben, einen der Steine zu verkaufen. Charleston war die erste Stadt an unserem Weg, die groß genug war, um Kaufleute und Bankiers zu beherbergen, die uns vielleicht helfen konnten, einen Teil unserer eingefrorenen Vermögenswerte zu liquidieren.

Textauszug aus
Diana Gabaldon: Der Ruf der Trommel
Ins Deutsche übertragen von Barbara Schnell
© Verlagsgruppe Random House GmbH, München

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