Leseprobe aus Diana Gabaldon: Die Sünde der Brüder

KAPITEL 6: BRUCHSTELLEN
Jedesmal glaubte er, es würde anders sein. Solange er auf Feldzügen ganz in der von Schrecknissen unterbrochenen Langeweile des Soldatendaseins aufging, weit weg von den einfachen Dingen des täglichen Lebens, dem normalen menschlichen Miteinander – so lange war es verständlich, dass Jamie unter diesen Umständen in seinen Gedanken eine bemerkenswerte Figur war; dass er den Mann als Talisman benutzte, als Prüfstein seiner eigenen Gefühle.
Doch dieser Effekt musste doch nachlassen, sollte doch sogar verschwinden, wenn er den Mann tatsächlich sah? Fraser war Schotte und Jakobit, ein begnadigter Kriegsgefangener und Stallknecht – ein Mann, von dem er normalerweise keinerlei Notiz nehmen würde, ganz zu schweigen davon, ihn besonders zu schätzen.
Und doch war es jedesmal dasselbe, verdammt. Wie konnte das sein? Und warum?
Schon wenn er die gewundene Zufahrt nach Helwater entlang ritt, schlug ihm der Puls in den Ohren. Dann begrüßte er Dunsany und seine Familie, plauderte freundschaftlich über dies und jenes, nahm eine Erfrischung zu sich, bewunderte die Kleider der Frauen und Lady Dunsanys jüngstes Gemälde – und dabei erfüllte ihn wachsende, quälende Ungeduld, der Wunsch - die Notwendigkeit – die Stallungen auszusuchen, Ausschau zu halten, zu sehen.
Und ihn dann irgendwo zu erspähen – bei der Arbeit mit einem Pferd, beim Flicken eines Weidezauns – oder ihm unerwartet direkt gegenüber zu stehen, wenn er aus der Sattelkammer kam oder von seinem Schlafplatz auf dem Heuboden hinunterstieg. Jedesmal vollführte Greys Herz einen Satz in seiner Brust.
Die Umrisse von Hals und Rücken, die solide gebauten, langen Oberschenkel, die sonnengebräunte Haut an seinem Hals, die sonnengebleichten Härchen auf seinen Armen ... selbst die kleinen Fehler, die Narben, die seine Hand entstellten, die Pockennarbe an seinem Mundwinkel ... und die schrägen Augen, die von Feindseligkeit und Argwohn verdunkelt wurden. Wahrscheinlich war es ja nicht sehr überraschend, dass er körperliche Erregung empfand; der Mann war eine Schönheit – eine gefährliche Schönheit.
Und doch legte sich seine Nervosität augenblicklich, wenn er sich in Frasers Gegenwart befand. Ruhe legte sich über ihn, eine seltsame Zufriedenheit.
Sobald er dem Mann in die Augen geblickt hatte und diese ihn wahrgenommen hatten konnte er ins Haus zurückkehren, seinen Erledigungen nachgehen, sich mit anderen Menschen unterhalten. Es war so, als hätte er Angst, die Welt könnte sich in seiner Abwesenheit verändert haben, und bekäme dann die Bestätigung, dass dies nicht so war; Jamie Fraser war immer noch ihr Mittelpunkt.
Würde es jetzt wieder so sein? Eigentlich durfte es das nicht. Schließlich gab es jetzt Percy Wainwright, der seine Aufmerksamkeit für sich beanspruchte. Und doch ... er nickte Tom zu und ließ sein Pferd in die gewundene Straße einbiegen, die hinauf nach Helwater führte. Seine Brust war von einem Schmerz erfüllt, als schnürte ihm die kalte Luft die Lunge zu.
Eigentlich dürfte es das nicht, wiederholte er schweigend in Gedanken.
Und doch ...
* * *
Textauszug aus
Diana Gabaldon: Die Sünde der Brüder
Ins Deutsche übertragen von Barbara Schnell
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